Zwischen Patienten und Psychotherapeuten kann eine besonders starke psychische Abhängigkeit entstehen, die sexuelle Übergriffe von Seiten des Psychologischen Psychotherapeuten erleichtert (BT-Drucksache 13/8267, S. 4). Wird diese Abhängigkeit durch den Psychologischen Psychotherapeuten ausgenutzt, so kann dies zu einer erheblichen psychischen Schädigung des Patienten führen (BT-Drucksache 13/8267, S. 4). Dem besonderen Schutzbedürfnis trug der Gesetzgeber durch § 174c StGB Rechnung.

Danach wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit oder wegen einer körperlichen Krankheit oder Behinderung zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut ist, unter Missbrauch des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt. Nach § 174c Abs. 2 StGB gilt diese ausdrücklich auch für sexuelle Handlungen an einer Person, die dem Täter zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut ist.

Der strafrechtliche Begriff der sexuellen Handlung wird dabei einschränkend verstanden als eine solche Handlung, die im Hinblick auf das geschützte Rechtsgut von einiger Erheblichkeit ist. Maßgeblich ist dabei zunächst einmal, dass in objektiver Hinsicht eine sexuelle Handlung vorliegt, die nach Intensität, Dauer und sozialer Anschauung von einiger Erheblichkeit ist.

Ferner setzt eine Strafbarkeit eine psychotherapeutische Behandlung voraus. Diese Voraussetzung wird extensiv interpretiert, so dass nicht nur die anerkannten Therapieformen, sondern auch Außenseitermethoden und alternative Therapieformen erfasst werden.

Der Patient muss sich zudem in der Absicht, eine geistige oder psychische Beeinträchtigung feststellen, heilen oder lindern zu lassen, in ein Behandlungsverhältnis begeben haben. Hieran fehlt es bei Selbsthilfegruppen ohne therapeutische Leitung (Francke, Psychotherapeutenjournal 2006, 238, 239). Für die Frage, ob ein Behandlungsverhältnis vorliegt, ist die Sichtweise des Patienten von wesentlicher Bedeutung (BT-Drucksache 13/2203, S. 4). Mitunter geht die Initiative zur Vornahme sexueller Handlungen vom Patient selbst aus. In diesen Fällen stellt sich die Frage, ob ein Einverständnis des Patienten die Strafbarkeit ausschließt. Die herrschende Meinung verneint dies (BT-Drucksache 13/8267, S. 7; OLG Düsseldorf NJW 1990, 1543, 1544). Eine weitere Zweifelsfrage ist, ob und ggf. wie lange auch nach Beendigung der Psychotherapie noch ein "Anvertrautsein" im Sinne von § 174c Abs. 2 StGB vorliegt (LG Offenburg, Beschl. v. 30.11.2004 - 3 Qs 121/04 -). Sofern die Beendigung des Behandlungsverhältnisses nicht lediglich pro forma erfolgte, dürfte insoweit eine Strafbarkeit ausscheiden.
In subjektiver Hinsicht erfordert eine Strafbarkeit vorsätzliches Verhalten. Der Psychologische Psychotherapeut muss mit anderen Worten die Tatumstände kennen.
Bei der Auslegung des § 174c StGB ist dem Gesichtspunkt Rechnung zu tragen, dass diese Bestimmung die sexuelle Selbstbestimmungsfreiheit zu schützen bezweckt. Ob § 174c Abs. 2 StGB überdies den Schutz der Professionalität des psychotherapeutischen Behandlungsverhältnisses zum Gegenstand hat, wird uneinheitlich beurteilt (Nachweise zum Streitstand: Francke, Psychotherapeutenjournal 2006, 238, 240).
Kommt es zu einem Ermittlungsverfahren gegen den Psychologischen Psychotherapeuten, so kann dieser sich ggf. durch eine vollständige und gewissenhafte Dokumentation von dem Vorwurf des Patienten entlasten (vgl. Rasehorn, Psychotherapeutenjournal 2007, 369, 370).